Der kritische Betrachter

 
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Neben seinen Porträts und Büsten schuf Wolf Ritz in seinem eigenen Werk ein Abbild der Gesellschaft seiner Zeit, wobei sein Blick hinter die Fassade durch eine klare Sicht auf Menschen in unterschiedlichen Rollen und Situationen gekennzeichnet war. Seine Bilder sind melancholisch, humorvoll, ironisch, entlarvend und auch verstörend, jedoch immer scharfsinnig und das Wesentliche erfassend.

Die hierfür erforderliche Sensibilität resultierte auch aus seinem eigenen Lebenslauf. Wolf Ritz kam als junger Soldat nach dem Abschuss seines Panzers an der russischen Front mit einer schweren Tuberkulose nach Hause. Angesichts seiner Kriegserlebnisse entstand sein Bild ,General‘. Es macht seine Abscheu vor dem Krieg und der Absurdität militärischer Ehren deutlich. 

                                                          

Nach seiner langwierigen Genesung war Wolf Ritz das schwarze Schaf der Familie, das sich weigerte, die väterliche Papierfabrik in Langenberg zu übernehmen und stattdessen versuchte, sich als Künstler zu etablieren. Er war hierbei völlig auf sich selbst gestellt. Diese Erfahrung und sicher auch seine Ehe - seine im Gegensatz zu ihm katholische Frau hatte sich 1950 als Lebensmittelchemikerin selbstständig gemacht - schärften sein waches Interesse an seiner Umwelt und ließen ihn sowohl das Leiden an vorgegebenen Erwartungshaltungen im Nachkriegsdeutschland als auch kirchliche Intoleranz und Unwahrhaftigkeit erkennen.

So sind in sein Bild  ,Bischöfe‘  verstörte Kindergesichter eingearbeitet - man sieht sie, wenn man das Bild von der Seite betrachtet - , was auf ein schon damals vorhandenes erschreckendes Problem hindeutet, das erst heute aufgearbeitet wird. Sein Bild ‚Stammhalter‘ zeigt die seelische Not eines kleinen Jungen, der mit dem Zwang lebt, in der von ihm erwarteten Rolle wie in einem Käfig zu funktionieren. In diesem Bild spiegelt sich das eigene Schicksal des Künstlers. Die Befreiung einer Frau aus archaischer Unterdrückung ist in seinem Bild  ,Stadt‘ dargestellt, männliche Sexualität als Problem  in seinem Bild ,Harnisch‘. Mit dem Bild ‚Harem‘ gelingt es dem Künstler, die innere Zerrissenheit der in ihrer Rolle gefangenen Frauen so eindrucksvoll darzustellen, dass der Betrachter sich dieser kaum entziehen kann. Das Bild ,Katzenkopf‘ wirft demgegenüber ein Licht auf die Vielschichtigkeit der menschlichen Natur.

Ende der 50’er Jahre verlor Wolf Ritz bei einem Autounfall seinen linken Arm. Dies erschwerte seine Arbeit sehr, da das Halten der Palette mit der linken Hand beim Porträtieren eine schnelle Wahl des exakten Farbtons ermöglicht hatte. Später behalf er sich mit einer Zange. Da Kinder sich hiervor fürchteten, erhielt er nun keine Aufträge für Kinderbilder mehr. Einen bis zur höchsten Instanz geführten Prozess auf Schadensersatz verlor er. Es hieß, der Verlust des Armes habe seine künstlerische Reife gefördert. Diese Erfahrung inspirierte ihn - in Anlehnung an das abgründige Lustspiel ,Der zerbrochene Krug‘ von Kleist - zu dem Bild ‚Richter Adam‘.

Andere Bilder vermitteln unterschiedlichste Stimmungen oder Gefühle: Innige Verbundenheit (Liebende) oder Heiterkeit (Kleiner Park) ebenso wie große Traurigkeit unter dem Deckmantel des Spektakels (Trauriger Clown, Bettler, Endzeit) und abweisende Unverbindlichkeit (Gesellschaft, Dame weiß).

Wolf Ritz, der mit ca. 70 Jahren an Alzheimer erkrankte, verbrachte seine letzten 8 Lebensjahre in Hamburg bei seiner Familie.  Aus dieser Zeit stammen eindrucksvolle Bleistiftzeichnungen.

 
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